Alex Langer über Silvius Magnago

UN TESTO DI ALEXANDER LANGER IN OCCASIONE DELL’80° COMPLEANNO DI SILVIUS MAGNAGO, GENNAIO 1994.

“L’ESPERIENZA DI ENTRAMBE LE DITTATURE, ALLE CUI ORGANIZZAZIONI PER DOVERE AVEVA APPARTENUTO, E DELLA GUERRA MONDIALE, COMBATTUTA SOPRATTUTTO CONTRO “I RUSSI E IL BOLSCEVISMO”, LO FORMARONO PER TUTTA LA VITA”.

Verschmitzt und kokett, wie er sich insbesondere vor der Presse gerne gibt, mag Sylvius Magnago die Bezeichnung “der Große Alte” für sich angemessen finden – und eine “laudatio” durch einen von ihm zum Erzfeind erklärten politischen Widersacher nicht verschmähen.

Allerdings soll ihm kein Gold dargebracht werden, Weihrauch nur sparsam aufsteigen und Myrrhe dafür eher ausgiebig zum Einsatz kommen.

Magnago ist zweifellos der Vater der Südtiroler Autonomie. Er muß als der wirksamste Verfechter der erfolgreichen Durchsetzung der wichtigsten Rechte und Forderungen der deutschsprachigen Südtiroler anerkannt werden.

Insofern war ihm wie wenigen Politikern beschieden, sein selbst gestecktes Ziel auch zu erreichen – und im wesentlichen auf unblutigem, demokratischem Weg. Das ist gewiß keine geringe Bilanz – hat aber auch nicht nur mit dem Format der Personen zu tun, sondern mit zahlreichen Sternstunden und Fallstricken der Geschichte. Adenauer beispielsweise konnte mit Blick auf die Vereinigung Deutschlands nur murmeln “immer davon reden, nie daran denken”, Gorbatchev hat den demokratischen Übergang zur Perestrojka-Sowjetunion nicht geschafft. Julius Raab hingegen war es vergönnt, mit dem Staatsvertrag die Souveränität Österreichs zurückzugewinnen, De Gaulle konnte Frankreich ohne Bürgerkrieg aus Algerien abziehen und Ho Tschi Minh durfte den Abzug der Amerikaner und die Herstellung der vietnamesischen Landeseinheit erleben.

Natürlich – wir mögen mit Brecht fragen: “vollbrachte Caesar dies allein?”, und kennen die Antwort: gewiß wäre all dies ohne das gemeine Fußvolk – von den Bergbauern zu den Bumsern der 60er Jahre, von den Hochschülern zu den Lehrern – nie gelungen, und neben dem obersten Anführer haben soundsoviele andere Volksführer größeren und kleineren Kalibers daran mitgewirkt. Doch darf der Wert von Symbolfiguren nicht übersehen werden, und Magnago ist seit der Kundgebung von Sigmundskron 1957 eine solche geworden. Die entscheidende, nach innen und nach außen.

Ein seltsames Geschick, denn Magnago war ja im Grunde nicht aus jenem Holz geschnitzt, aus dem Tirol gemeinhin seine Volksführer bezog: Magnago war kein volkstümlicher Wirt wie Andreas Hofer oder Peter Mayr, kein Bauernkind wie das Mädchen von Spinges, kein Kleriker wie Pater Haspinger oder Kanonikus Gamper, kein Adeliger wie Graf Toggenburg oder Baron Sternbach, kein echter Bürgersmann wie Julius Perathoner und schon gar kein hochgeistiger Idealist wie Michael Gaismair oder Jacob Huter.

Er ist eher eine Beamtengestalt, Angehöriger jener Wehrmachtsgeneration, die nacheinander die italienisch-faschistische und dann die deutsch-nationalsozialistische Uniform und Prägung erhalten und sich nicht gerade als Systemkritiker oder Widerständler hervorgetan hatten – nicht einmal als unterschwellige Boykotteure à la Schwejk. Die Erfahrung der beiden Diktaturen, deren Organisationen er pflichtgemäß angehört hatte, und des Weltkrieges, der vor allem gegen “den Russen” und “den Bolschewismus” geführt wurde (aber auch gegen die verkommenen seelenlosen Geld-Demokratien des liberalen Westens), hat Magnago nachhaltig und lebenslang geformt. Wann und wie der gebürtige Trentiner-Tiroler Magnago zur Endung “-us” und zum Y in seinem jetzigen Vornamen gekommen und zum eingefleischten Volksdeutschen geworden ist, dürfte nur im engsten Familienkreis bekannt sein.

Und daß Magnago sich selbst als eher mürrisch gestimmten, wenig geselligen Menschen empfindet, der es eigentlich nur seiner landesfremden und dennoch höchst solidarischen und einfühlsamen Ehegattin verdankt, daß er nicht zum monomanen misanthropischen Kauz geworden ist, wurde spätestens vor einem Jahrzehnt öffentlich – als die Feiern zur Vollendung seiner 70 Jahre einiges Rampenlicht auch auf den Menschen Magnago lenkten. Man kann ihn sich eigentlich nicht als einen Vordenker ausmalen, der im Kreise ähnlich Gesinnter und durch angeregte Diskussion Ideen entdeckt, Visionen entwirft, einen weiten Blick schweifen läßt. Eher erscheint er als Sammlertyp – von dem man sich vorstellen könnte, daß die Vollständigkeit und Integrität seiner Serien ihn mit Befriedigung erfüllt, sooft er nachprüft, ob noch alles da und gut erhalten ist. Bei der Gärtnerei verschafft ihm das Ausjäten von Unkraut Genugtuung. Richtig wach wird er – untirolerischerweise – eher am späten Abend, was ihm manchesmal geholfen haben mag, Freunde und Gegner auszusitzen und herumzukriegen.

Magnago hat sich denn auch im eigenen Lager durchgesetzt – den Raffeinern und Ebnern, den Bruggern und Volggern zum Trotz – und wurde schließlich auch von der Gegenseite akzeptiert, geachtet und zuletzt immer mehr bestaunt und bewundert. Der gegenwärtige Magnago-Mythus ist eher in Rom (und teilweise in Trient) entstanden, als daß er auf Südtiroler Hausmist gewachsen wäre – vor allem, seit Magnago ab Mitte der 80er Jahre immer nachhaltiger den Staat Italien vor seinen Nachfolgern in der SVP warnte und klarmachte, daß ein Abschluß – wenn vielleicht auch dornig – noch mit ihm zustandekommen müßte, wenn man sichergehen wollte.

Verbündete hat Magnago stets zu gebrauchen gewußt, ohne je das Heft aus der Hand zu lassen und ohne große Dankbarkeitskomplexe zu entwickeln. Das sozialdemokratische Österreich, vor allem der dortige “Große Alte” (Bruno Kreisky), wußte davon ein Lied zu singen und fühlte sich nicht selten richtig brüskiert. Bis dann Magnago selbst Ende der 70er Jahre die neue Sprachregelung vom “Vaterland Österreich” zumindest als verbalen Trost anordnete und damit die Südtiroler Bayern- und Franz-Josef-Strauß-Anhimmelung auszuwischen suchte.

Allzu enge Vertraute, mit denen er gemeinsame Pläne aushecken und ein komplizenhaftes Verhältnis aufbauen konnte, scheint Magnago nicht gehabt zu haben: die Kollegen der Wehrmachtsgeneration – Benedikter, Zelger, Fioreschy, Spögler, Tinzl, Brugger usw. – schien er zwar zu achten und hörte wohl auch dann und wann auf sie, von der jüngeren Garde mit Frasnelli, Kaserer, Peterlini, Pahl, Ebner (Michl), Waldner, v.Egen und wie sie alle heißen mögen, gab er sich herzlich wenig entzückt. Durnwalder mag er als notwendiges Übel hinnehmen (hätte es aber gerne gesehen, wenn er einige Stufen tiefer auf dem Podest stünde), Saurer dürfte er höher schätzen, und zu seinem Mißvergnügen muß ihm in den letzten Jahren der Verdacht aufgestiegen sein, daß Riz in Wirklichkeit doch eher ein römischer Bluff ist.

Als Politiker wirkt Magnago mehr schlau als genial, eher krämerisch denn idealistisch, mehr taktisch als strategisch. Doch letztlich hatte er immer ein klares und festes Ziel im Auge, das recht einfach zu definieren ist: “wir müssen die deutsche Südtiroler Volksgruppe in jeder Hinsicht stärken – Schritt um Schritt – was man dann daraus machen kann, wird man später sehen”. Er wußte, daß man sich als zäher Verhandler nie abfinden darf, eher unterstreichen soll, was noch fehlt, als was schon erreicht wurde, Ziele besser so formuliert, daß eigentlich niemand dagegen sein kann und damit die größtmögliche Einheit herstellt und sich – wennschon – erst übermorgen oder über-übermorgen im eigenen Lager in den Haaren liegt. In diesem Sinne war das “Los von Trient!” die Quadratur des Kreises, denn damit war bloß gesagt, wovon man sich unmittelbar losreißen, nicht, wohin man endgültig hinsteuern wollte.

Daß aber dann das “Paket” eher einer Wäscheliste glich als einem großen Wurf mit einem überzeugenden Konzept (bzw. Wurf und Konzept nie von Magnago selber, sondern wennschon viel eher von Moro, Kreisky, Berloffa oder Kessler gesehen und hochgelobt wurden), hängt wohl eng mit Magnagos Taktik und seinem politischen Charakter zusammen. Fürs Kleingedruckte hatte er dann außerdem noch den scharfäugigen Alfons Benedikter und für die Volkstums-Ideologie den überzeugten Rufacher Toni Zelger. (Diesen beiden Gleichaltrigen sollte man übrigens auch die gebührenden Ehren zollen, sind sie doch aus den Licht- und Schattenseiten dieses Bildes nicht wegzudenken.)

Magnago machte nie den Eindruck, besonders belesen zu sein oder aus dem Wissen und der Vorstellungskraft anderer großer Geister wichtige Anstöße zu beziehen. Seine Reden zur Eröffnung einer neuen Legislaturperiode, einer SVP-Landesversammlung oder zur Vorstellung eines Haushaltsprogrammes hatten nie die Inspiration und Weihe beansprucht, die manche Politiker derartigen feierlichen Absichtserklärungen oder abschließend wertenden Bilanzen zu geben pflegen. Bei Magnago konnte man schwerlich von gewolltem britischen “understatement” reden, wo man sich absichtlich nur knapp und bescheiden äußert und mehr durchblicken läßt: seine Platituden waren nichts anderes als echte Platituden, nur wußte er sie so oft und so hartnäckig zu wiederholen, daß schließlich vor allem die italienische Presse darin profunde Geistesblitze ortete. Nur wenn sich seine Stimme überschlägt, schimmert echte Passion durch – vor allem bei Hieben auf Gegner: mit Stolz darf ich sagen, daß mich

Magnago des Öfteren durch sein schrilles Gekrächze geehrt hat. Überhaupt waren für ihn di „innere Feinde“ weitaus gefährlicher als die Äußeren – was man verstehen kann.

Seine Verhandlungspartner muss er meist eher verachtet haben – doch wusste er sie zu überzeugen. Mag sein, dass die Früchte eher von ständigen Wiederholen als von genialen Intuitionen herrührten – was macht´s schon aus, wenn´s nur saftige und ausgiebige Früchte sind?

Selbstgefällig wusste Magnago seine ewig gleichen Boutaden zu verkosten: „bei uns gibt´s keine verschiedenen Rassen, also kann´s gar keinen Rassismus geben.

Magnago wollte Südtirol und sein Schiksal immer irgendwie als isolierten Sonderfall sehen – wie demokratisch oder sozial oder föderalistisch es sonst in Italien zugehen mochte, interessierte ihn kaum, weswegen er auch nie wirklich Bundesgenossen suchte und immer in der italienischen Regierung selbst den Partner suchte.

Wieso Magnago so manche Talente, die er einsetzen hätte können, lieber vergraben hat, wird man vielleicht nie voll und ganz verstehen. Warum hat er im Konzert der Volksgruppen und Minderheiten Italiens (und Europas) die Kraft und Erfahrung der Südtiroler nicht auch anderen zur Verfügung gestellt und dadurch vielleicht Demokratie und Vielfalt in der Republik gefördert?

Warum ließ er sich „Trentiner Renegat“ schimpfen, statt sein (auch) Trentinertum positiv auszuspielen und im regionalem und überregionalen Rahmen einzusetzen?

Warum hat er sein Prestige im Alpenraum eigentlich nie für allgemeine Anliegen (Alpenschutz, Autonomie und Demokratie) zum tragen gebracht?

Ja, warum hat er eigentlich seine vielleicht größte menschliche Leistung – nämlich trotz seine schwere Kriegsversehrung voll und ganz einsatzfähig zu bleiben – nicht zum Schutzbild für andere behinderte Menschen gemacht?

Magnago hätte das Zeug gehabt, bei allen in Südtirol lebenden Menschen aller Spargruppen populär und beliebt zu werden. Hat er aber nicht. In all seiner bewundernswerten Zähigkeit hat er eher die Pedanterie als die Großherzigkeit den Sieg davon getragen. Gedankenflüge, Experimente, intellektuelle Wagnisse waren ihm verdächtig und zuwider, den Eindruck der Kleinlichkeit mochte er von sich aus nicht zerstreuen.

Dafür war Magnago sauber und unbestechlich: heute in der Politik nicht selbstverständliche Voraussetzungen.

Auf Geld oder Vorteile war er nie bedacht, Politik war für ihn immer Dienst (nach seinem Verständnis, gewiss!), nie Selbstbedienung.

Der Generationswechsel, der inzwischen eingetreten ist, macht diesbezüglich den groben Stilbruch deutlich, Vermarktung von Natur und Idealen sind nach Magnago un den meisten seiner Weggefährten leichter geworden.

Magnago wird jetzt zu seinen 80 Jahren viel gefeiert werden, und da kann man es auch gerne übersehen, dass große bleibende geflügelte Worte aus seinem Munde wohl kaum ins Gedächtnis des Volkes eingehen werden.

Mag Benedikter als der Erfinder des ethnischen Universalproporzes und Zelger als Präger des „je klarer wir trennen, desto besser verstehen wir uns“ auf den Begriff gebracht werden und in Erinnerung bleiben, wird man Magnago vielleicht einst mit seinem Ausspruch zitieren, dass „wenn es zur Erhaltung der Südtiroler eines Tages notwendig würde, für jeden einen Hubschrauber zu fordern“, er eben dies zu seinem Kampfes- und Verhandlungsziel machen würde.

Sollten nicht sein ehrenvoll erreichtes hohen Alter und seine Verdienste Anlass werden, ihm non jene Auszeichnung zuzuerkennen, die schon öfter im Gespräch war? Magnago mag zum Ehrensenator auf Lebenszeit ernannt werden. Das würde den „Großen Alten“ aus Südtirol vielleicht auch endlich zwingen, die Augen über den Südtiroler Tellerrand zu erheben.

Augen, denen nun etwas mehr Güte, Milde und Nachsicht, aber auch bisher vernachlässigte Neugier und Einfühlung nur gut tun könnten.

(Alerxander Lagner über Magnago, FF, 2 Jänner 1994)

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